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Silberausblick bis Q2/2027: Spielraum nach oben, aber kein Spurt

Veröffentlicht am 14. Juli 2026

Nitesh Shah
Nitesh Shah

Head of Commodities and Macroeconomic Research, WisdomTree Europe

@NiteshShahWT

Wichtige Erkenntnisse

Der Höhenflug des Silberpreises vom Januar 2026 liegt nun eindeutig hinter uns. Nachdem der Preis im Tagesverlauf kurzzeitig die Marke von 120 US-Dollar je Unze überschritten hatte, ist er zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Artikels (Juli 2026) auf rund 60 US-Dollar je Unze zurückgefallen. Es war unwahrscheinlich, dass sich die Spitze vom Januar als nachhaltig erweisen würde. Wären die Preise auf diesem Niveau geblieben, hätten sie mit ziemlicher Sicherheit den Rückgang der industriellen Nachfrage verschärft. Selbst bei 60 US-Dollar je Unze – einem Niveau, das immer noch um etwa 70 % über dem Vorjahreswert liegt – ist mit einer gewissen Sparsamkeit in der Industrie zu rechnen.

Das Thema der Nachfrage aus dem Solarsektor

Ein wichtiger Bereich, den es zu beobachten gilt, ist die Nachfrage aus der Solarbranche. In China wurden die Solarinstallationen im Jahr 2025 vorzeitig durchgeführt, da die Haushalte den Änderungen der Stromtarife zuvorkommen wollten. Daher dürfte die Silbernachfrage aus Chinas Solarsektor in diesem Jahr geringer ausfallen. Das könnte jedoch teilweise durch eine stärkere Solarnachfrage in anderen Regionen ausgeglichen werden, da die politischen Bemühungen zur Abkehr von Kohlenwasserstoffen vor dem Hintergrund des Irankriegs an Intensität gewinnen.

An Gold gekoppelt

Unser Silberausblick ist erneut eng mit unserem Ausblick für Gold verknüpft. Bei beiden Metallen kam es zu einer Korrektur, wodurch ein Teil der Überbewertung, die sich zu Beginn des Jahres aufgebaut hatte, aufgebrochen wurde. Von hier aus erwarten wir ein weitgehend günstiges makroökonomisches Umfeld, das Edelmetalle stützen wird, wobei Silber von denselben Faktoren profitieren dürfte, die auch Gold tragen – wenn auch mit größerer Volatilität. Wie unser Goldausblick zum zweiten Quartal 2027 zeigt, besteht das Potenzial für einen moderaten Aufwärtstrend bei Gold auf über 4.560 US-Dollar je Unze.

Bestandsverzerrungen könnten nachlassen

Was Sachanlagen betrifft, dürfte das Ausbleiben weiterer Zollankündigungen dazu führen, dass ein Teil der in den USA gebundenen Bestände nach und nach in andere Länder abfließt, wodurch sich die zu Beginn des Jahres beobachtete Verknappung etwas entspannen dürfte. Zwar besteht bei Silber weiterhin ein Angebotsdefizit, doch scheint sich das Ausmaß dieses Defizits zu verringern, und wir rechnen nicht mit einer übermäßigen Verknappung gegenüber dem aktuellen Niveau.

Indische Politik zur Eindämmung der Nachfrage könnte gelockert werden

Indien, der weltweit bedeutendste Markt für Münzen, Barren und Schmuck aus Silber (siehe Abbildungen unten), hat die Einfuhrzölle auf Silber im Mai 2026 von 6 % auf 15 % angehoben. Die Edelmetallimporte haben die Handelsbilanz des Landes belastet, was durch hohe Energieimportkosten während des Irankriegs noch verschärft wurde. Diese Faktoren zusammen veranlassten die Regierung zu entschlossenem Handeln. Eine Entspannung der Lage im Iran und ein Rückgang der Energiepreise könnten letztendlich den Weg für niedrigere Einfuhrzölle auf Silber ebnen, doch eine entsprechende Ankündigung liegt bislang nicht vor. Daher berücksichtigen wir eine solche Änderung nicht in unserem Ausblick.

Abbildung 1: Anlagen in Silbermünzen und -barren

Quelle: WisdomTree. Metals Focus. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.

Abbildung 2: Herstellung von Silberschmuck

Quelle: WisdomTree. Metals Focus. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.

Kein großer Aufschwung durch konjunkturelle Nachfrage

Aus konjunktureller Sicht befinden wir uns weiter in den späteren Phasen des Wirtschaftszyklus. Die Produktionstätigkeit nimmt zwar zu, doch erwarten wir keinen nennenswerten Anstieg der Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe, die bereits über der Marke von 50 liegen. Das schränkt den Spielraum für eine größere Überraschung nach oben durch die industrielle Nachfrage ein.

Moderater Anstieg des Angebots aus dem Bergbau

Was das Angebot betrifft, hängt die Bergbauproduktion unserer Ansicht nach mit den Investitionsausgaben zusammen, wenn auch mit einer gewissen Verzögerung. Höhere Investitionsausgaben (CapEx) dürften letztendlich dazu führen, dass mehr Material aus dem Boden gefördert wird. Auf dieser Grundlage erwarten wir ein gewisses Wachstum des Silberangebots, was zur Verringerung des Angebotsdefizits beitragen und den Preisanstieg begrenzen dürfte.

Abbildung 3: Bergbauinvestitionen und Preise für Industriemetalle

Quelle: WisdomTree. Bloomberg Finance L.P. 1997–2026. Die CapEx-Daten weisen eine Verzögerung von zwölf Monaten auf. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.

Silberprognose

Insgesamt rechnen wir mit einem Anstieg des Silberpreises in Richtung 70 US-Dollar je Unze, was vor allem auf unsere Erwartung eines höheren Goldpreises zurückzuführen ist. Allerdings dürfte ein gewisser Produktionsanstieg in Verbindung mit einem eher moderaten Wachstum der Industrienachfrage den Aufwärtstrend begrenzen.

Der Silbermarkt ist kleiner als der Goldmarkt und weist einen erheblichen Anteil an Privatanlegern in der Investitionsnachfrage auf. Daher ist er anfälliger für spekulative Phasen, wie sie beispielsweise im Januar 2026 zu beobachten waren. Unsere Prognose zielt nicht darauf ab, vorübergehende Preisspitzen des Metalls zu erfassen, sondern vielmehr die nachhaltigeren Preisbewegungen, die durch makroökonomische, industrielle und angebotsseitige Fundamentaldaten gestützt werden können.

Abbildung 4: Attribution der Prognosen

Quelle: WisdomTree. Juni 2026. Prognosen sind kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und alle Anlagen sind mit Risiken und Ungewissheiten verbunden.

Fazit

Insgesamt hat die Korrektur des Silberpreises gegenüber den spekulativen Höchstständen vom Januar den Markt wieder auf ein tragfähigeres Niveau zurückgeführt. Zwar dürfte das Metall weiterhin von einem günstigen Umfeld für Edelmetalle und unserer Erwartung eines höheren Goldpreises profitieren, doch dürfte der Aufwärtstrend moderater ausfallen als der zu Jahresbeginn beobachtete Anstieg. Sparmaßnahmen in der Industrie, eine nachlassende Nachfrage aus dem Solarsektor Chinas, eine Entspannung bei den knappen Lagerbeständen und eine gewisse Verbesserung des Angebots aus dem Bergbau dürften allesamt als Hemmfaktoren wirken. Wir rechnen daher mit einem Anstieg des Silberpreises in Richtung 70 US-Dollar je Unze, betrachten dies jedoch eher als eine fundamental gestützte Entwicklung denn als eine Wiederholung der spekulativen Kursspitze vom Januar.

Über den Autor

Nitesh Shah
Nitesh Shah

Head of Commodities and Macroeconomic Research, WisdomTree Europe

@NiteshShahWT

Nitesh Shah ist ein Finanzexperte mit über 24 Jahren Erfahrung in den Bereichen Research und Anlagestrategie. Als Head of Commodities & Macroeconomic Research bei WisdomTree Europa leitet er Marktanalysen und -einblicke für die verschiedenen Anlageklassen, wobei sein Schwerpunkt auf Rohstoffen und börsengehandelten Produkten liegt. Zuvor war er bei Moody's, HSBC Investment Bank, The Pension Protection Fund und Decision Economics tätig, wo er sein Fachwissen in den Bereichen Marktanalyse und Strategie vertiefte. Nitesh Shah hat einen Master-Abschluss in internationaler Wirtschaft und Finanzwesen von der Brandeis University und einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften von der London School of Economics. Seine Einsichten werden häufig in den Finanzmedien zitiert und er ist ein gefragter Redner bei Branchenveranstaltungen. Außerdem ist er Moderator des Podcasts „Commodity Exchange“, in dem er über Trends auf den globalen Märkten spricht. Nitesh Shah begeistert sich für die Beratung von Anlegern und bietet ihnen umsetzbare Erkenntnisse, die ihnen bei der Orientierung in der komplexen Finanzlandschaft helfen.

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